Ballett in Deutschland: Tradition und Moderne

Deutschland mag nicht das erste Land sein, das man mit Ballett assoziiert – doch die deutsche Ballettszene gehört zu den vielfältigsten und innovativsten der Welt. Von den traditionsreichen Staatsballetten über wegweisende zeitgenössische Kompanien bis zum Erbe des Tanztheaters bietet Deutschland eine einzigartige Mischung aus klassischer Eleganz und moderner Ausdruckskraft. Ein Streifzug durch die faszinierende Welt des deutschen Tanzes.

Stuttgart: Die Wiege des neoklassischen Balletts

Das Stuttgarter Ballett ist das international renommierteste deutsche Ballettensemble und gilt als eines der besten der Welt. Seinen Aufstieg verdankt es vor allem John Cranko, der von 1961 bis zu seinem Tod 1973 als Direktor wirkte und das Ensemble zu Weltruhm führte. Seine abendfüllenden Handlungsballette wie "Romeo und Julia", "Onegin" und "Der Widerspenstigen Zähmung" werden bis heute weltweit getanzt.

Crankos Nachfolger setzten sein Erbe fort: Marcia Haydée, Reid Anderson und heute Tamas Detrich führen die Tradition weiter und ergänzen sie um zeitgenössische Werke. Das Stuttgarter Ballett ist bekannt für seine herausragende Technik, seine bewegenden Interpretationen und sein starkes Ensemble. Die John Cranko Schule, die zur Staatsoper Stuttgart gehört, bildet den Nachwuchs aus und genießt weltweites Ansehen.

Hamburg: Tradition trifft Innovation

Das Hamburg Ballett wurde unter der über 50-jährigen Leitung von John Neumeier zu einem der prägendsten Ensembles der Welt. Neumeier, der 2024 nach über fünf Jahrzehnten die Leitung abgab, schuf ein einzigartiges Repertoire, das klassische Meisterwerke ebenso umfasst wie innovative Neuschöpfungen. Seine Ballettabende zu Musik von Gustav Mahler oder Johann Sebastian Bach sind Meilensteine der Ballettgeschichte.

Das Hamburg Ballett zeichnet sich durch seinen besonderen Stil aus: expressiv, emotional tiefgründig und immer um das menschliche Drama zentriert. Die enge Verbindung zur Hamburgischen Staatsoper und das eigene Ballettzentrum mit Schule machen Hamburg zu einem der wichtigsten Ballettzentren Deutschlands. Mit Demis Volpi hat ein neuer Direktor übernommen, der eigene Akzente setzt.

Das Staatsballett Berlin

Das Staatsballett Berlin ist das größte Ballettensemble Deutschlands und bespielt gleich drei Opernhäuser: die Staatsoper Unter den Linden, die Deutsche Oper und die Komische Oper. Diese einzigartige Konstellation ermöglicht ein breites Repertoire von klassischen Werken bis zu zeitgenössischen Kreationen.

Unter verschiedenen Direktionen hat das Staatsballett immer wieder neue Wege beschritten. Die aktuelle Leitung setzt auf eine Mischung aus gepflegter Klassik und innovativen Projekten. Die Zusammenarbeit mit internationalen Choreografen und die Integration verschiedener Tanzstile machen das Staatsballett zu einem spannenden Ensemble.

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München: Bayerisches Staatsballett

Das Bayerische Staatsballett an der Bayerischen Staatsoper ist eines der größten und traditionsreichsten Ensembles Deutschlands. Mit rund 80 Tänzern bietet es ein breites Repertoire von klassischen Meisterwerken bis zu zeitgenössischen Kreationen. Die enge Verbindung zur Bayerischen Staatsoper ermöglicht auch Kooperationen bei Opernproduktionen.

Die Heinz-Bosl-Stiftung und die angeschlossene Ballettakademie sorgen für exzellenten Nachwuchs. Das Bayerische Staatsballett ist bekannt für seine technische Brillanz und seine Interpretationen der großen klassischen Ballette wie "Schwanensee", "Dornröschen" und "Giselle".

Das Erbe des Tanztheaters

Deutschland hat mit dem Tanztheater eine eigene Kunstform hervorgebracht, die das Ballett revolutionierte. Pina Bausch und ihr Tanztheater Wuppertal prägten ab den 1970er Jahren eine völlig neue Ästhetik: emotionale Intensität, theatrale Elemente und eine Ausdrucksform jenseits der klassischen Ballettbewegungen. Ihre Stücke wie "Café Müller" oder "Kontakthof" haben das Verständnis davon, was Tanz sein kann, grundlegend erweitert.

Auch nach Bauschs Tod 2009 führt das Tanztheater Wuppertal ihr Werk fort und tourt weltweit. Das Erbe des deutschen Tanztheaters lebt in vielen Kompanien weiter und beeinflusst Choreografen auf der ganzen Welt. In Wuppertal entsteht derzeit ein Pina Bausch Zentrum, das ihr Werk dokumentieren und weitervermitteln soll.

Zeitgenössischer Tanz und freie Szene

Neben den institutionellen Ballettensembles verfügt Deutschland über eine lebendige freie Tanzszene. Kompanien wie Sasha Waltz & Guests in Berlin, Forsythe Company (heute The Forsythe Company) oder das Tanztheater Bremen haben international Maßstäbe gesetzt. William Forsythe, der jahrelang das Ballett Frankfurt leitete, hat die Grenzen zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz neu definiert.

Wichtige Plattformen für zeitgenössischen Tanz sind Festivals wie Tanz im August in Berlin, die Tanzplattform Deutschland oder das Movimentos Festival in Wolfsburg. Städte wie Dresden, Düsseldorf und Köln haben eigene Tanzkompanien, die zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz navigieren.

Ausbildung und Nachwuchs

Deutschland verfügt über erstklassige Ausbildungsstätten für Tanz. Die John Cranko Schule in Stuttgart, die Staatliche Ballettschule Berlin, die Heinz-Bosl-Stiftung in München und die Hochschule für Musik und Tanz Köln bilden den Nachwuchs für die deutschen und internationalen Bühnen aus. Die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden hat als älteste und wichtigste deutsche Tanzhochschule besondere Bedeutung.

Diese Schulen verbinden klassische Ballettausbildung mit modernem und zeitgenössischem Tanz und bereiten junge Tänzer auf die vielfältigen Anforderungen des heutigen Tanzbetriebs vor. Viele Absolventen tanzen heute in führenden Kompanien weltweit.

Ballett für Einsteiger

Für Ballett-Neulinge empfiehlt sich der Einstieg über klassische Handlungsballette wie "Schwanensee", "Der Nussknacker" oder "Romeo und Julia". Diese Werke sind auch ohne Vorkenntnisse zugänglich und bieten spektakuläre Tanz- und Musikerlebnisse. Viele Theater bieten zudem Einführungsvorträge oder Ballett-Workshops an, die einen tieferen Einblick ermöglichen.

Die Preise für Ballettaufführungen variieren, aber auch mit kleinerem Budget lässt sich großes Ballett erleben. Stehplätze, Restkarten oder spezielle Angebote für junge Besucher machen die Kunst zugänglich. Ein Abend mit dem Stuttgarter Ballett oder dem Hamburg Ballett kann ein lebensveränderndes Erlebnis sein.

Fazit: Tanz als deutsche Spezialität

Die deutsche Ballettlandschaft ist vielfältiger und innovativer, als viele vermuten. Von der klassischen Perfektion der großen Staatsballette über das revolutionäre Erbe des Tanztheaters bis zur experimentellen freien Szene bietet Deutschland eine einzigartige Tanzlandschaft. Ob Sie klassisches Ballett, neoklassische Innovation oder avantgardistisches Tanztheater suchen – in Deutschland werden Sie fündig. Die Kombination aus Tradition und Experimentierfreude macht den deutschen Tanz zu einer besonderen Kunstform.